Aufregend – als Pianistin mit einer Führungskraft durch eine Fertigungshalle zu gehen.
Die Technik verändert sich durch den Einsatz von KI momentan rasant, meinte er, und stellte mir gleich die Frage: „Welche Bedeutung haben technische Fähigkeiten eigentlich im Beruf einer Konzertpianistin?“
Die Antwort war leicht: Seit meinem fünften Lebensjahr arbeite ich täglich an meiner Technik. Anschlag, Präzision, Bewegungsabläufe, Klangkontrolle – ohne technische Exzellenz ist professionelles Klavierspiel unmöglich.
Dann sagte ich etwas, das ihn überraschte. Etwa die Hälfte meiner täglichen Arbeit gilt der Technik. Die andere Hälfte verbringe ich mit der Verbesserung einer Fähigkeit, über die außerhalb der Kunst erstaunlich wenig gesprochen wird: der Gestaltungskraft. Er wollte wissen, was ich genau darunter verstehe.
Wenn ich ein Werk lediglich technisch perfekt spiele, bleibt es belanglos. Es hätte keine Seele. Meine Aufgabe ist es, jedem Werk Bedeutung zu verleihen – es soll Menschen ansprechen, berühren, inspirieren. Die Gestaltungskraft lebt von meinen Visionen. Ich habe den Anspruch, etwas Einzigartiges zu erschaffen, etwas, das „larger than life“ ist, das nicht nur inkrementell anders ist, sondern wirklich etwas Neues darstellt. Diese Vorstellung treibt mich an.
Ich experimentiere viel, riskiere auch etwas und habe die Widerstandsfähigkeit, nach einem Scheitern wieder weiterzumachen. Der Umgang mit Unsicherheit ist für mich selbstverständlich. Ich nehme Impulse aus meinem Umfeld bewusst in meine Interpretation auf und verfüge über die Agilität, auch auf Überraschungen reagieren zu können.
All das steckt in der Gestaltungskraft. Die Kunst besteht darin, sie mit meinen technischen Fähigkeiten in Einklang zu bringen. Darin drückt sich der Artist Mindset aus.
Ich fragte meinen Gesprächspartner, wie es in seinem Unternehmen aussieht. Er erzählte mir, dass derzeit nahezu alle Kräfte auf die technische Optimierung durch KI konzentriert seien.
Das brachte mich zum Nachdenken. Wenn ich mich als Pianistin ausschließlich auf technische Perfektion konzentrieren würde, wäre ich austauschbar. Werke nur technisch perfekt zu spielen, reicht bei Weitem nicht aus.
Er gab mir Recht und meinte: KI wird in Zukunft vielen Unternehmen dieselben Werkzeuge zur Verfügung stellen. Technische Exzellenz allein wird künftig ein geringeres Unterscheidungsmerkmal sein. Der Unterschied wird darin liegen, etwas Eigenes entstehen zu lassen. Dies könne, wie beim Artist Mindset, nur mit neuen Ideen, Visionen und dem Mut zum Ausprobieren gelingen – da, wo Leidenschaft und Kreativität zusammenkommen.
Am Ende unseres Gesprächs sagte die Führungskraft zwei Sätze, die mir im Gedächtnis geblieben sind: „Wir haben unglaublich viel Gestaltungskraft im Unternehmen – wir müssen sie in Zukunft verstärkt zur Entfaltung bringen. Dafür braucht es Impulse.“ Das war der Grund für die Entstehung von „Artist Mindset“.
