Kann man Mut lernen? Der „All right, than I’ll go to hell“ Moment

Während eines Gesprächs mit der Führungskraft eines großen Unternehmens kamen wir auf die Bedeutung von Mut zu sprechen.

Er schilderte mir die Situation, dass viele Entscheidungen im Unternehmen unter Unsicherheit getroffen werden müssen. Führungskräfte benötigen deshalb Mut, da von ihren Entscheidungen der Fortbestand des Unternehmens abhängen könne.

Als ich ihm antwortete, dass der Umgang mit Unsicherheit zum täglichen Geschäft einer Konzertpianistin gehört und ohne Mut ein Erfolg nicht möglich ist (der „all right, then I’ll go to hell“ Moment), war er erstaunt. Ich habe ihm kurz die Situation geschildert: Als Konzertpianistin bin ich quasi selbständige Unternehmerin. Ich habe sehr unterschiedliche Engagements und wähle dafür jeweils ein Konzertprogramm aus, in der Hoffnung, dass es den Zuhörern gefallen wird. Es soll etwas Besonderes sein, weshalb es Mut erfordert, auch Werke auszuwählen, die nicht zum Standard gehören. Dann kommt die Performance: Auf die Bühne zu gehen, wenn hunderte von Augen auf einem schauen und Höchstleistung abzurufen – da gibt es viele Versagensängste. Ohne Mut geht das nicht. Auch Standardwerke möchte ich nicht einfach nur runterspielen, sondern ihnen meine eigene Interpretation geben. Dazu braucht es Mut, denn jeder, der die Werke kennt, wird sofort die Abweichungen vom Standard sehen und kritisch kommentieren. Wenn mein Konzert gut ankommt, ist das schön, wahrscheinlich gibt es dann auch weitere Engagements. Wenn das Konzert nicht gut ankommt, dann laufe ich die Gefahr, dass ich nicht mehr von Veranstaltern gebucht werde oder keine Zuhörer mehr kommen. Meine Karriere als Konzertpianistin ist dann beendet.

Für die Führungskraft war diese Perspektive neu. Im weiteren spannenden Gespräch haben wir diskutiert, welche Voraussetzungen es für mutige Entscheidungen braucht. Ich habe ihm meine Perspektive geschildert:

1. Als erstes und wichtigstes für mich ist es, dass ich eine Idee davon habe, was ich mit meinem Klavierspielen erreichen möchte. Einfach nur so zu spielen, ohne große Vision, würde mir nichts bringen. Für mich ist Musik „larger than life“. Ich will mit meinem Spielen einen Impact haben und Menschen berühren und inspirieren.  2. Ich liebe es, Konzerte zu spielen und immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Es ist eine Leidenschaft, die ich gewissenhaft hege und pflege. Ich weiß, wie ich meine Begeisterung am Leben erhalte und meine innere Balance bewahre – zum Beispiel, indem ich mich immer wieder auf die Ursprünge für meine Leidenschaft besinne. 3. Es gibt natürlich stets auch schwierige Momente und Tiefs, die einem eine außerordentliche Widerstandsfähigkeit abverlangen. Ich habe meine Erfahrungen, Routinen und innere Stabilität um damit umzugehen und mich schrittweise wieder hochzuarbeiten.

Visionen, Leidenschaft und Widerstandsfähigkeit – die Führungskraft meinte, dass dies Voraussetzungen für mutige Entscheidungen sind, die auch in der Unternehmenswelt eine große Rolle spielen. Von einer Künstlerin vorgetragen, erhielten sie aber eine sehr anschauliche und emotionale Dimension. Wir waren uns einig, dass jeder die Möglichkeit hat, die eigenen Fähigkeit zum Mut positiv zu beeinflussen.